„Der geistige Verfall machte unaufhaltsam rasche Fortschritte“

Der Historiker Dominik Reeg stellt im Kultur- und Geschichtsverein Bad Emstal e.V. sein Dissertationsprojekt „Der geistige Verfall machte unaufhaltsam rasche Fortschritte“ – Psychiatrische ‚Unheilbarkeit‘ und ihre Konsequenzen im Regierungsbezirk Kassel um 1900“ in seinem gleichnamigen Vortrag vor. Um 1900 verfügte der Regierungsbezirk Kassel insgesamt über drei Einrichtungen für psychisch kranke Menschen. Auf der einen Seite stand die erst 1876 eröffnete Landesheilanstalt in Marburg, auf der anderen die beiden bereits seit dem 16. Jahrhundert existierenden Landeshospitäler Haina und Merxhausen. Die Aufgaben der Anstalten waren derweil klar verteilt: Während die Marburger Landesheilanstalt für die Behandlung der sogenannten ‚akuten‘ Krankheitsfällen zuständig war, stellten Haina und Merxhausen die nach Geschlechtern getrennte Pflege der chronisch kranken Männer, beziehungsweise Frauen sicher. In der Praxis fanden psychisch kranke Menschen im Regierungsbezirk Kassel nach einer ersten ärztlichen Untersuchung und der Feststellung der Behandlungsbedürftigkeit zunächst Aufnahme in der Landesheilanstalt Marburg. Dort erfuhren sie eine zeitgenössische psychiatrische Behandlung, das heißt Bett-, Bad- und Beschäftigungs-, beziehungsweise Arbeitstherapie. Im Idealfall konnte dabei eine Heilung oder zumindest eine Besserung des Gesundheitszustandes erreicht werden. Endete der Therapieversuch allerdings nicht erfolgreich, so war es für die Kranken in den meisten Fällen nicht möglich, in Marburg zu verbleiben, denn diese Einrichtung war als Heilanstalt dazu angehalten, ihre Patientinnen und Patienten so schnell wie möglich zu entlassen, insbesondere, wenn sich diese nicht heilen ließen. Hier gab es zwei Möglichkeiten: Entweder wurden die Kranken als ‚ungeheilt‘ zu ihren Angehörigen entlassen oder es folgte die Überführung in eines der beiden Landeshospitäler. Diese Einrichtungen waren in dieser Zeit anders aufgebaut als die Landesheilanstalt Marburg. Während Letztere um 1900 Platz für knapp 300 Patientinnen und Patienten bot, wurden zur gleichen Zeit in Haina 848 Männer und in Merxhausen 757 Frauen verpflegt. Die Landeshospitäler waren im Gegensatz zu Marburg, wo stets eine hohe (und aufgrund ihrer Funktion auch gewollte) Fluktuation herrschte, für lange Aufenthalte ihrer Kranken ausgelegt. Nicht wenige verblieben ihr restliches Leben in diesen Häusern. Anhand von Fallgeschichten werden die Lebenswege von ‚Unheilbaren‘ nachskizziert und betrachtet, welche Konsequenzen diese Diagnose für die betroffenen Kranken hatten. Weiterhin fragt Herr Reeg nach den zeitgenössischen psychiatrischen Vorstellungen von „Unheilbarkeit“ und den zur Diagnose dienenden Symptomen. Der Historiker Dominik Reeg ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet der Neueren und Neuesten Geschichte an der Universität Kassel und arbeitet dort an einem Promotionsprojekt zur ‚Unheilbarkeit‘ in den psychiatrischen Anstalten des Regierungsbezirks Kassel um 1900. Er absolvierte von 2016 bis 2020 ein Bachelorstudium der Geschichte und Germanistik und von 2020 bis 2023 ein Masterstudium Geschichte und Öffentlichkeit an der Universität Kassel, das er mit einer Arbeit zum Krankheitsbild der progressiven Paralyse im Landeshospital Haina um 1900 abschloss.

Termin: 02.10.2026, 19 Uhr

Ort: Klostermuseum Bad Emstal, Landgraf-Philipp-Straße 2, Bad Emstal-Merxhausen

Eintritt € 5,00

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