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Landgraf Philipp der Großmütige
von Waltraud Regina Schmidt
Philipp von Hessen wird in eine Zeit des Umbruchs vom späten
Mittelalter zur frühen Neuzeit hineingeboren. In den frühen Jahren Philipps trägt das Bild um den jungen Fürsten spätmittelalterliches Gepräge. Noch sind es die Ritter und ihre Interessen um die Regentschaft, die
den jungen Fürsten bestimmen und bedrängen, es sind auch die ritterlichen Turniere und das Armbrustschießen, denen Philipps aktives Interesse gilt. Das Bild wäre unvollständig, wollten wir nicht auch den Einfluß der
Kirche auf den jungen Philipp bedenken: die Frömmigkeitsformen mit Sakramentsprozessionen, Wallfahrten und Reliquienverehrung der vorreformatorischen Zeit, den deutschen Ritterorden in Marburg, die Ordensballei, die
Franziskaner und die zahlreichen anderen Klöster und klösterlichen Gemeinschaften, die regionalen und die päpstlichen Machtinteressen. Aber auf der anderen Seite sehen wir schon in der Umgebung des
17jährigen Landgrafen in Worms Ratgeber, Gelehrte mit humanistischer Bildung, einen Kanzler mit staatsmännischen Verhandlungsfähigkeiten. Philipp hat stets die Fähigkeit bewiesen, hervorragende Menschen als Berater
um sich zu haben. Dazu zählen auch die Prediger und Pfarrer der reformatorischen Lehre. Auch die Beziehungen zu den Frauen mit politischer Bedeutung aus seiner Familie (seine Mutter Anna – Regentin, seine Ehefrau
Christine – Vermittlerin während seiner Gefangenschaft und auch seine Nebenfrau, Margarete von der Saale) prägen das Bild des Landgrafen.
Dass der junge Fürst über eine glänzende Hofhaltung verfügt, wird von Chronisten berichtet, und zwar wie er mit 500 Edlen als strahlender junger Landesherr in Worms zum Reichstag
einzieht. Es ist der Ausspruch einer Krämerfrau überliefert, der nicht ohne Grund immer wieder zitiert wird: “... das ist sein bester schmuck, dass er so viel grauer bärt, das ist: so viel feiner, alter und wolstehender männer umb sich hat” (Friedrich Küch, Landgraf Philipp auf dem
Wormser Reichstage des Jahres 1521, in Festschrift z. Gedächtnis Philipps des Großmütigen, Kassel 1904, S. 196). Philipp selber notiert in Worms auf einem Denkzettel 1521:“item Hoffhaltung und amptern zu schmelern”. Auf demselben Zettel lesen wir die beachtenswerten Worte: “wie ich es mach in meinem land das frid und recht gemacht werdt.”( Friedrich Küch, a. a. O, S. 208). Hier deutet sich das später stark ausgeprägte Verantwortungsbewusstsein schon an.
Philipp hat in einer Zeit, in der alte und neue Werte aufeinander stoßen, moderne Visionen für die neue Epoche. Er hat aber auch die Kraft und die Macht, seine Ziele umzusetzen. “Seine
politische Begabung, sein diplomatisches Geschick und sein mitreißende Tatkraft” werden von den Historikern gerühmt. Er ist einer der politischen Führer der Reformation geworden. “Als einer der Väter des politischen
Protestantismus hat er den Gang der deutschen Geschichte im 16. Jahrhundert entscheidend mitbestimmt. Seine ererbten Fürstentümer, Grafschaften und Herrschaften hat er aus dem Mittelalter in die Neuzeit
hinübergeführt: Aus einem unbedeutenden mitteldeutschen Territorium formte er die Landgrafschaft Hessen zu einem neuzeitlichen Staatswesen mit politischem Gewicht.” (W. Heinemeyer, Philipp der Großmütige und die
Reformation in Hessen, Gesammelte Aufsätze, Festgabe Marburg 1997, S. 116). In seiner Bildungspolitik und mit seinem sozialpolitischen Programm war er seiner Zeit weit voraus. In ihm begegnen wir der Avantgarde der
Reformation.
Der junge Landgraf ist durchdrungen von dem Glauben an die unmittelbare Kraft des Evangeliums. Nachdem er selber die evangelische Lehre angenommen hat, ist er überzeugt, dass die
Botschaft von der befreienden Gnade den Leser der Bibel überzeugen wird, wenn denn die Bibel gelesen wird. (Vgl. Brief an die Mutter, in G. Franz, Urkundliche Quellen Bd. 2, S. 8 und den Briefwechsel mit dem
Schwiegervater Georg von Sachsen, Februar 1525, in Richard A. Cahill, Philipp of Hesse and the Reformation, Mainz 2001, S. 86).
Als Wahlspruch wählt Philipp ein Bibelwort: Verbum domini manet in aeternum. Die Abkürzung V D M I AE hat er wie ein Zeichen getragen und
tragen lassen. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.
Bevor wir auf das Wirken Philipps zu sprechen kommen, darf nicht unerwähnt bleiben, dass wir in Philipp einem weltoffenen Renaissancefürsten begegnen, für den Bildung und humanistische
Ideen selbstverständlich waren. Als Politiker und Staatsmann war er bereit, humanistische Entwürfe für eine bessere Erziehung und Ausbildung in seinem Territorium zu verwirklichen. Dies geschah mit der Gründung der
Marburger Universität und den Schulen für Mädchen und Jungen.
Soweit eine kleine Einführung zur Person Philipps des Großmütigen. Den Titel der Großmütige erwarb er sich im kriegerischen Einsatz für den Herzog Ulrich von Württemberg 1534.
Daten aus seinem Leben
1504 wird Philipp am 13. November auf dem
Landgrafenschloß in Marburg geboren. Seine Mutter ist Anna, eine geborene Herzogin von Mecklenburg, sein Vater ist Wilhelm II, Landgraf von Hessen.
1509 Philipps Vater stirbt nach schwerer Krankheit. Teile der hessischen Ritterschaft (z. B. Dietrich von Kleen, der Komtur der Ordensballei Marburg, , Baltarsar von Weitolshausen,
genannt Schrautenbach, von Boyneburg) und Philipps Mutter streiten wegen der Regentschaft. Anna von Mecklenburg wird schließlich Regentin.
1518 Bereits im Alter von 13 Jahren wird Philipp von Hessen vom Kaiser Maximilian für mündig erklärt. Philipp übernimmt die Verantwortung für sein Land. Bei der Wahrnehmung der
Regierungsangelegenheiten stehen ihm u. a. der gelehrte Rat Schrautenbach, ein zielbewusster, auf einen modernen Staat hin arbeitender Politiker, sowie der humanistisch geprägte Jurist Kanzler Feige und der Freund
des Landgrafenhauses Riedesel zur Seite, hervorragende Staatsmänner, von denen sich, so wie bereits seine Mutter, die Landgräfin und Regentin Anna, nun auch der junge Fürst Philipp, beraten lässt.
1521 Der durch Luthers Auftreten bekannte Reichstag zu Worms dient dem jungen Philipp von Hessen vor allem als Ort für eine “erstaunlich kompromissbereite hessische Außenpolitik” (W.
Heinemeyer, a. a. O. S. 7), zur Pflege von diplomatischen Beziehungen mit anderen Landesfürsten sowie zum Abschluss eines Schutz- und Trutzbündnisses mit der Kurpfalz.
Der gerade 17 jährige Landgraf fiel in Worms auch als Turnierteilnehmer auf. Er galt als ausgezeichneter Kämpfer in den damals üblichen sportlichen Disziplinen “Stechen und Brechen”. “Er sticht und bricht, hat scharpf gerant und sehr wol droffen” (F. Küch, a. a. O. S. 195). Obwohl die Hauptarbeit in den Ausschüssen von seinen Beratern erledigt wurde, betrachtete der junge Fürst die Regierung seines Landes als seine
eigene Sache und war über alle politisch wichtigen Entscheidungen informiert, worüber z. B. ein mit eigener Hand geschriebener, der oben erwähnte Denkzettel von 1521, Auskunft gibt. Eine Begegnung mit Luther fand
statt, aber noch war von einer Entscheidung für den evangelischen Glauben nicht die Rede.
1523 Eheschließung mir Christine von Sachsen. Der Ehe entstammen fünf Söhne und fünf Töchter.
1524 Auf einem Ritt nach Heidelberg zum Armbrustschießen, so berichten die Chronisten, trifft Philipp von Hessen mit dem gelehrten Theologieprofessor Philipp Melanchthon, einem
Weggefährten Luthers, zusammen. (H. Heppe, Kirchengeschichte beider Hessen, 1. Bd., Marburg 1876, S. 129 ff. und Huyskens, Albert in Festschrift Philipp d. Großmütige, Kassel 1904, S. 335). Melanchthon vermittelt
dem jungen Landgrafen die Grundzüge des evangelischen Glaubens und widmet ihm sein Buch “Summe der christlichen Lehre”. Die zentrale Bedeutung des Gewissens und die grundsätzlichen Orientierung des Christen am
Evangelium werden für Philipp zu Grundpfeilern seiner Parteinahme für die evangelische Sache. Philipp nimmt 1524 den evangelischen Glauben an und gehört von nun an zu den herausragenden Fürsten der Reformation.
1525 In eigenhändigen Briefen an seine Mutter und den Franziskanerguardian Ferber bekennt sich Philipp zur Reformation. Inzwischen hat er sich eingehend mit der Heiligen Schrift
befasst, und seine Bibelkenntnisse sind erstaunlich hoch. Er schreibt der Mutter, die ihn an seine Verpflichtung dem Kaiser gegenüber erinnert: “wan ich bin ja got mer schuldig, gehorsam zu sein, dann den mentschen.”(G. Franz, Urkundliche Quellen zur hessischen Reformationsgeschichte, Bd. 2, Marburg 1954, S. 7). Den Franziskaner Ferber bittet er um Nachsicht, für das, was er im Brief vorhat,
nämlich ihm die Grundzüge der reformatorischen Auslegung der Bibel aufzuzeigen. Es heißt in dem Brief: “Darbei begern wir aber, uns als ainen jungen fürsten und ungelerten laien nit zu verargen...“ was er vorhat, ihm zu sagen, “also dass die Seligkeit umbs glaubens willen dem mentschen durchs evangelium wirt verheissen und nit umb unserer werk willen” (G. Franz, a. a. O. S. 1 u. S. 4)
1526 Auf dem Reichstag zu Speyer im August 1526
treten die evangelischen Fürsten zum ersten Mal selbstbewusst für ihren Glauben ein. Philipp und sein Gefolge tragen die Anfangsbuchstaben des Leitwortes: “Verbum domini manet in aeternum.” demonstrativ auf dem rechten Ärmel ihrer Kleidung. Die Vorbedingungen für die spätere Übereinkunft cuius regio, eius religio
werden festgehalten. Von nun an bestimmen die Fürsten über das Bekenntnis in ihrem Territorium.
1526 Die Homberger Synode stellt das erste große theologische Forum für die Auseinandersetzung mit den reformatorischen Grundgedanken dar. Philipp will jedoch als Landesherr nicht
allein über den Glauben seiner Untertanen entscheiden. Darum lädt er zur Synode Theologen, hohe Beamte vom Hof, die Stände, die Ritterschaft, Pfarrer und Altaristen ein. Auch an die Klöster ergeht die Einladung. Der
Theologe Lambert von Avignon stellt seine Thesen zum evangelischen Glauben in Latein dar, Adam Kraft aus Fulda trägt sie in deutscher Sprache vor. Der Franziskaner Ferber vertritt die Position der traditionell
katholischen Seite. Das von Philipp später durchgeführte Bildungsprogramm mit der Gründung der Marburger Universität und der Einrichtung von Schulen für Mädchen und Jungen, die Einrichtung eines allgemeinen Kastens
(Wirtschaftliche Absicherung des Schulwesens, der Armenfürsorge und der Besoldung der Pfarrer)) sowie die Pläne zur Aufhebung des Elendes der Armen und Kranken werden auf der Homberger Synode vorgedacht. Bereits
hier in Homberg wird das Konzept der Reformationsschrift “Reformatio Ecclesiarum Hassiae” sichtbar. Eine nachhaltige Wirkung zeigen u. a. folgende Punkte des Reformprogrammes:
Art. 30 de scholis puerorum, “Über Schulen für Jungen” Art. 31 de scholis puellarum “Über Schulen für Mädchen” Art. 32 Pro studiosis pauperibus”, “Für die armen Studenten”
1527 Aufhebung der Klöster und Abfindung der Konventualen, der Mönche und Nonnen. Die Situation des Klosters Merxhausen, der Übergang vom Kloster zum Hohen Hospital wird an einem
eigenen Ort dargestellt.
1529 Religionsgespräch im Marburg Die unterschiedlichen reformatorischen Lehrmeinungen werden unter der Moderation von Philipp von Hessen in Marburg diskutiert. In 14 Punkten kann
Einigkeit hergestellt werden. In der Abendmahlsfrage kann zwischen Luther und Zwingli kein Kompromiss gefunden werden.
1531 Die evangelischen Fürsten und Städte schließen sich zum Schmalkaldischen Bund zusammen. Philipp von Hessen ist einer der wichtigsten Vertreter der evangelischen Sache. Als
evangelischer Landesherr ist er für den Kaiser in Sachen Einberufung eines Konzils der gegebene Ansprechpartner.
1533 Klöster Haina und Merxhausen werden als Hohe Hospitäler für die arme Landbevölkerung und als landgräfliche Stiftungen für ewige Zeiten vom Landgraf Philipp bestätigt.
1539 Konfirmandenunterricht, verbunden mit Unterricht im Lesen und Schreiben, wird von Philipp und dem Theologen Martin Bucer in Hessen eingeführt.
1540 Der Landgraf, auf der Höhe seiner Macht und Anerkennung in ganz Europa, schafft durch seine Nebenehe mit Margarete von der Saale die Voraussetzungen für einen innerdeutschen
Skandal, der zu seiner fünfjährigen Gefangenschaft durch den Kaiser führt. Zugleich kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und deutschen Fürsten und zum Wiedererstarken der kaiserlichen Macht.
1552 Durch ein Bündnis mit Frankreich und deutschen Reichsfürsten sowie durch einen erfolgreichen Feldzug von Landgraf Philipps Sohn Wilhem und Philipps Schwiegersohns Kurfürst Moritz
von Sachsen wird der Kaiser unter Druck gesetzt und muß Landgraf Philipp frei geben.
1562 Letztes Testament Philipps. In diesem Testament hat der Landgraf Philipp die Teilung von Hessen unter seine vier Söhne Wilhelm, Ludwig, Philipp und Georg ermöglicht. Die Hohen
Hospitäler, die Universität und die kirchlichen Angelegenheiten sollen von den Erben gemeinsam verwaltet werden.
1567 Landgraf Philipp der Großmütige stirbt am 31. März in Kassel.
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