|
Mittelalterliche Wüstung Emser Berg in Bad Emstal
von Hartwin Neumann
Bad Emstals größter Ortsteil Sand hat nicht nur seinen Namen einer mittelalterlichen Wüstung zu verdanken, der Ort entsteht und vergrößert sich
ab dem Mittelalter dadurch, dass Siedlungen in dem Ort selbst aufgehen, verlassen und später als “Wüstungen” bezeichnet werden. So die Siedlungen Almudehusen (956), Offenhusen (1242), tzum Sande Mutslar (1354), Wagenhusen (1213), Reinboldshusen (1233), Moteslari (1074), Hohenfeld (1200), Swallingehusen (1251), Visbach (1242) und Emmeseberg (1325). Nicht alle Wüstungen sind heute noch genau zu verorten, einzelne Standorte unbekannt.
Im Rahmen eines Vortrages des ecomuseumhabichtswald in 2002 über Burgen und Ruinen erfährt der Vorsitzende des örtlichen Geschichtsvereins, Hartwin
Neumann, von der “Anzeigerpflanze” Vinca Minor, erinnert sich an einen Platz im Wald am Emser Berg, wo sehr viel Immergrün vorhanden ist, sucht nach Wasser bzw. ehemaligen Wasserstellen, gräbt
dort und findet mittelalterliche Scher- ben. Das Gutachten des Landesamtes für Denkmal- pflege bescheinigt einen “eindrucksvollen Geländebefund” und datiert das Alter in das
Hoch- bzw das Spätmittelalter, also etwa 13. bis 14. Jahrhundert. Eine eindeutige Zuordnung, welche Wüstung denn nun gefunden ist, ist heute noch nicht möglich,
wahrscheinlich ist es die Wüstung Emmeseberg (1325). Offenbar sind die Wüstungen größer und zahlreicher als bisher angenommen, und damit der geschichtliche Wert für
Bad Emstal bedeutender. Dieser Weg soll hier nachgezeichnet werden.
Der Emser Berg liegt südöstlich von der Ortsmitte (Kirche) Sand und wird möglicherweise wegen der Nachbarschaft zur anerkannten Altenburg in Niedenstein und zur Burgruine
Falkenstein heute wenig beachtet. Dabei weisen sehr gut sichtbare Reste einer Landwehr bis auf die höchste Höhe (etwa 355 Meter) sowie die Nähe zum Kloster Merxhausen auf eine größere
Bedeutung hin. Die entdeckte mittelalterliche Wüstung liegt ca. 850 Meter südöstlich von der Sander Kirche und 1150 Meter nordöstlich des ehemaligen Klosters Merxhausen. Neuere
, noch nicht analysierte Oberflächenfunde belegen, dass die entdeckte Wüstung weit größer als ca. 250 Meter im Durchmesser gewesen sein muss, als es im 1. Fundbericht
heißt. Um die Wüstung herum weisen regelmäßig angelegte Ackerraine auf die wirtschaftliche Grundlage der mittelalterlichen Siedlung hin. Flurnamen wie “Kuhplatte”,
“Försterwiese oder Jakobswiese” sowie “Embser Wiese”, die 1810 kartografiert sind, zeigen eine wirtschaftliche Nutzung bis zum 19./20. Jahrhundert auf. Erckenbrecht vermutet sogar eine Kapelle am Emser Berg.
Wir können heute sehr wahrscheinlich davon ausgehen, dass die entdeckte Wüstung die Wüstung “Embser Berg” ist, einige Quellen bieten gute Hinweise.
Dieser Ort wird in Urkunden des Klosters Merxhausen 1335 (Reimer; Landau: “1325”) erstmals genannt (Emseberg), 1344 erneut (Emmeseberg), ferner 1377 (Ymmeseberg)
(Reimer). Nach 1376 wird im ältesten Lehnbuch der Landgrafschaft Hessen ein Gut zu Emserberg wie auch eins zu Mutslar, heute Wüstung bei Sand, als hessisches Lehen aufgeführt: “tzwein gudin, der lyt eyn zu demEmsinberge unde daz andere zu Motzlar”
(Vogtherr). 1386 wird Emsperge als landgräflich hessisches Dorf genannt, war 1399 nur noch ein Hof und 1544 eine Wüstung. Auch im Salbuch von Merxhausen 1557 erscheint
der Ort noch (Emsserberg), damals also schon längst wüst. Später heißt er Momsebergk und Memsebergk.
Zur Lage der Wüstung enthält das (sehr wahrscheinlich aus dem 15. oder 16. Jahrhundert stammende – Anmerkung des Gutachters Dr. Sippel, LfD Marburg) “merksh(äuser)
Zinsreg(ister)” den Eintrag: “Ein Dorff Emeßberge genant – itzo eine Wustenung hart bober dem Closter gelegen (Landau). Es lag dicht oberhalb des Klosters, das spricht für
eine Identität mit der Wüstung Emserberg, so Sippel.
Dittrich führt zur Wüstung weiterhin an: “ Emserberg – lag im heutigen Distrikt Gehren. Im Jahre 1325 verkaufte Heinrich von Wolfershausen sein Dorf Emseberg an Konrad
Wackermaul, von dem es bald nachher an Ludwig von Buchenau kam, welcher es (unser Dorff Emeseberg) 1344 dem Kloster Merkshausen verkaufte. Dasselbe erwarb 1377
eine Rente aus Gütern “in dem Dorffe und der Dorffmarke zu dem Emmeseberge an Husen, an Hoffen, an Gärten usw.”. Auch 1384 und 1386 wird es noch als Dorf aufgeführt,
1399 dagegen schon Hof genannt. Im Jahre 1403 wird noch ein Gut erwähnt, “daz da gelegen ist czo deme Emeseberge, - daz da heyszet Wegeners Gut, mit Huse und Habe, mit Lande, mit Wiesen usw”.
Warum werden Siedlungen wüst?
Für Benevolo beschleunigen die Stadtentwicklungen auch die Veränderungsprozesse auf dem Land. Einem erhöhten Bedarf an Gütern konnte durch das althergebrachte System
der einzelnen Höfe, die sich weitgehend selbst versorgten, nicht mehr gerecht werden. Jedes ländliche Anwesen hatte bis dahin nur die für den eigenen Bedarf nötigen
Lebensmittel und auch die zur Produktion dieser Lebensmittel benötigten Werkzeuge und Geräte hergestellt. Jetzt aber musste eine ständig steigende Zahl freier Arbeiter von
außerhalb beherbergt werden. Die Feudalherren gründeten für sie neue Städte auf den noch brachliegenden Teilen ihrer Besitzungen. Obwohl sie von den Feudalherren
gegründet worden waren, entwickelte sich in diesen neuen Städten oftmals eine eigene, vom System der Höfe abweichende Organisationsform. Sie garantierten die individuelle
Freiheit der Arbeiter, gaben sich autonome Regierung und wurden von einem selbstgewählten Magistrat verwaltet. Dabei orientierten sie sich an der
Gemeindeverwaltung der Stadtstaaten, auch wenn sie auf politischer und rechtlicher Ebene weiter den feudalen Gesetzen unterworfen blieben.
Eine weitere Ursache ist der “Schwarze Tod”, die große Pestwelle in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Schätzungen gehen davon aus, dass verschiedene Pestwellen die
Bevölkerung in Deutschland um 1450 um etwa ein Drittel zurückgehen lässt. “Durch den Bevölkerungsrückgang des Spätmittelalters kam es zu beträchtlichen Verlusten an
Dörfern, Höfen und bebauten Fluren, so dass das Siedlungsbild vieler Landschaften von Wüstungen geprägt war.” Schätzungen besagen, dass von 170 000 Siedlungen um 1300
am Ende des 15. Jahrhunderts noch 130 000 vorhanden sind.
Insgesamt liegen die Ursachen von Wüstungen noch weitgehend im Dunkeln. Die Fachliteratur erwähnt weitere Theorien wie die Kriegstheorie, d.h., durch viele Fehden
und Kriege sind Siedlungen im Mittelalter vernichtet worden. Die Fehlsiedlungstheorie nimmt an, dass die abgelegenen und benachteiligten Siedlungen aufgegeben wurden.
Die Konzentrationstheorie vertritt die Auffassung, dass sich Ortschaften aus Sicherheitsgründen zusammengelegt haben. Am überzeugendsten, so Rösener, sei die
Agrarkrisentheorie, die die Ursache in agrarwirtschaftlichen Notständen sieht, da sie aus Preis und Lohnbewegungen herrührt. Diese Theorie hängt allerdings von der
Bevölkerungsentwicklung im späten Mittelalter ab, die zunächst anwuchs und durch die Pestwellen stark zurückging.
Fazit:
Die Wüstung Emser Berg ist heute ein Bodendenkmal und als solches durch das Hessische Denkmalschutzgesetz geschützt. Die Wüstungen in Bad Emstal beherbergen
nicht nur mittelalterliche Zeugnisse, sondern sind auch der Ausgangspunkt der Gemeinde Sand. Insofern sind sie ein wertvolles Denkmal für Bad Emstal. Weitere Forschungen
über die Bedeutung der Wüstungen und des Emser Berges sind möglich.
Literaturnachweis
Benevolo, Leonardo: Die Geschichte der Stadt. Campus Verlag. Frankfurt/Main 2000.
Demandt, Karl E.: Regesten der Landgrafen von Hessen 2: Regesten der landgräflichen Kopiare. 2 Bd.
(Veröff. D. Hist. Komm. F. Hessen 6,2) (Marburg 1990) 321 Nr. 902 (1413-57 zwei Güter zu Emserberg und zu Mutzlar), 336 Nr. 963 (1444 zwei Güter zu Memsberg und zu Mußlar) (ebd. 298 Nr. 814 und 311
Nr. 861 btr. Den Berg Emserberg).
Dittrich, Julius: Sand und seine Wüstungen. Schneider & Weber. Kassel 1966.
Erckenbrecht, Marieluise: Merxhausen damals...Thiele & Schwarz. Kassel 1983. Herausgegeben vom Psychiatrischen Krankenhaus Merxhausen.
Landau, Georg: Historisch-topographische Beschreibung der wüsten Ortschaften im Kurfürstenthum
Hessen und in den großherzoglich hessischen Antheilen am Hessengaue, am Oberlahngaue und am Ittergaue (Zeitschrift d. Ver. F. hess. Esch. U. Landesk., Suppl.7) (Kassel 1858); mit einem Nachwort
über Georg Landau von Dieter Carl erneut als Nachdruck, hrsg. Von Dieter Carl (Vellmar 1999) 152.
Lehmann, Cornelia: Zeugen aus dem Schlammloch. In: Hessische Allgemeine. Sonntagszeit vom 28. Juli 2002.
Reimer, Heinrich (Bearb.): Historisches Ortslexikon für Kurhessen (Veröff. D. hist. Komm. F. Hessen u.
Waldeck 14) (Marburg 1926); erneut als Nachdruck (Veröff. D. Hist. Komm. F. Hessen 14) (Marburg 1974) 121.
Rösener, Werner: Agrarwirtschaft Agrarverfassung und ländliche Gesellschaft im Mittelalter.
Enzyklopädie Deutsche Geschichte Band 13. Oldenburg Verlag München 1972.
Sippel, Klaus: Fundbericht. Wüstung am Emser Berg – Funde: LfD Marburg, EV 02/16.
Vogtherr, Thomas: Das älteste Lehnbuch der Landgrafschaft Hessen aus der Zeit Landgraf Hermanns
des Gelehrten. Hess. Jahrbuch f. Landesgesch. 37, 1987, 27-71, hier 55 Nr. 157.
|